In der 1a an einem Freitag im Juni

Der Klassenrat an der Grundschule Am Lemmchen
Klassenrat an der Grundschule Am Lemmchen I © Foto: Sappho Beck
Text: Josef Blank

Der Klassenrat an der Grundschule Am Lemmchen in Mainz

Der sechsjährige Felix* ist schon ein alter Hase. Nachdem die Kinder der Klasse kleine Holzbänke in die Raummitte gestellt haben, schlägt er routiniert den Klangstock und sagt mit fester Stimme: "Hiermit eröffne ich den Klassenrat!". In der 1a der Grundschule Am Lemmchen in Mainz-Mombach hat an einem Freitag im Juni der wöchentliche Klassenrat begonnen. Seit der Einschulung regeln die Schülerinnen und Schüler dort ihr Zusammenleben, entwickeln soziale Kompetenzen und lernen Demokratie. Vom Abschieds-Song für die FSJlerin über kleine Streitereien bis zu ihrem Beitrag zur Projektwoche haben die Kinder über die Woche hinweg ein Plakat nach und nach mit ihren Themen beklebt. Und jetzt haben sie 45 Minuten Zeit, sie demokratisch zu klären.

Ein Abschiedssong für Feyza

Felix geht nahe an sein Plakat ran und liest das erste Thema des heutigen Tages vor: der Abschieds-Song für die FSJlerin Feyza. Die ganze Woche über hatten die Kinder ihre Themen auf dem Plakat gesammelt, bis am Donnerstag die Klasse in einer kurzen Abstimmung die Tagesordnung festgelegte. Die Klassenlehrerin Frau Schröter hatte das Thema selbst eingebracht – und genau wie die Kinder an das Plakat geklebt.

Verständlich erklärt sie ihr Anliegen: "Wir hatten gemeinsam im Klassenrat beschlossen, dass wir Feyza ein Abschiedslied singen wollen. Hat jemand eine Idee, welches Lied das sein könnte?" Irem meldet sich, was Felix sofort sieht: "Irem, hast du eine Idee für das Lied?" Sie schlägt den Einschulungs-Song vor, den sie am Besuchstag für die Kindergartenkinder gesungen hatten. Nach ein paar zustimmenden Bemerkungen meldet Anja Bedenken an: „Ich habe den Eindruck, das Lied passt nicht so gut zu dem Abschied.“ Behutsam hakt die Klassenlehrerin nach und fragt: „Kannst du denn auch sagen, warum du findest, dass das Lied nicht passt?“ Klar kann sie das und erklärt, der Einschulungs-Song sei eher ein „Hallo“ als ein „Tschüss“. 

Kleine Hilfestellungen erleichtern die Diskussion

Auf dem Boden verstreut liegende laminierte Zettel helfen den Kindern mit aufgedruckten Wortanfängen, ihre Meinung zu formulieren: „Ich habe den Eindruck, …“, „Könnte es nicht auch sein, …“ oder „Ich möchte …“ tauchen dann auch immer wieder auf, als die Kinder weiter miteinander diskutieren. Als klar wird, dass die Klasse Anja zustimmt, lässt Felix abstimmen und zählt fünf erhobene Hände. „Und, Felix, ist das die Mehrheit?“, fragt die Lehrerin, und Felix schüttelt den Kopf. „Ich habe mir ganz viele Lieder angehört“, fährt sie fort, „und heute zwei mitgebracht, die mir gut gefallen.“

Der Klassenrat von Anfang an

Als sie das erste Lied im CD-Player startet, wird auch Felix wieder munter. Zuletzt war ihm deutlich anzusehen, dass es ihn manchmal überforderte, wenn in der gleichen Sekunde 15 Kinder gleichzeitig um seine Aufmerksamkeit buhlen. „Der Klassenrat ist für die Kinder eine lehrreiche, aber auch anstrengende Zeit. Nach 20 bis 25 Minuten merkt man in der ersten Klasse deutlich, dass die Konzentration nachlässt. Wir versuchen dann, etwas Aktivierendes zu machen oder die Themen zu vertagen“, erläutert Frau Schröter. Aber auch wenn es manchmal anstrengend ist, freuen sie sich jede Woche auf den Klassenrat, erzählen Sandra und Anton im Gespräch. Schulleiter Heiko Müller erklärt, dass sie die Schülerinnen und Schüler bewusst schon ab Beginn der 1. Klasse Erfahrungen im Klassenrat sammeln lassen. „Die Kinder bringen schon so viele Erfahrungen aus dem Kindergarten mit, dass wir direkt darauf aufbauen. Wir erklären den Kindern, wie der Klassenrat funktioniert, und geben ihnen von Anfang an eine Struktur.“ Seitdem im Mai 2012 an der ganzen Schule der Klassenrat eingeführt wurde, hat er für die Kinder eine große Bedeutung. Sie sprechen darüber und sagen auch immer wieder bewusst, „das Thema nehmen wir mit in den Klassenrat.“

Kleine und große Entscheidungen im Klassenrat

Beim zweiten Lied war den Kinder anzusehen, dass dies das richtige ist: Sie wippen im Rhythmus der Musik, erste beginnen schon mitzusingen. Als Felix fragt, was die Kinder über die Lieder denken, sind sie sich schnell einig: Das zweite Lied passt gut. Aber trotz ihrer Begeisterung denken die Kinder mit. Lena sagt: „Vorhin haben wir gesagt, der Text des Lieds passt nicht. Ich finde, das ist auch bei dem Lied ein bisschen so.“ Sogleich schlägt sie auch die Lösung vor: „Ich glaube, da müssen wir was ändern.“ Alle nicken, und schon steht das nächste Thema für den Deutschunterricht fest. „Wer ist dafür, dass wir für Feyza das zweite Lied singen?“, fragt Felix und zählt mit großem Ernst jede einzelne erhobene Hand. Die Entscheidung ist einstimmig.

Kleine Kinder mit großen Themen

Zügig geht es weiter, und die Schüler besprechen zwei kleine Konflikte. Gezielt lenkt Felix gemeinsam mit Frau Schröter die Diskussion. Als Lisa sich wünscht, dass Max sich dafür entschuldigt, sie angerülpst zu haben, entschuldigt sich Max sofort. Carolin nervt, dass Tarek immer eine Handbewegung mache, wenn sie rede. „Welche Handbewegung meinst du? Und was denkst du, was er damit sagen will?“, fragt Frau Schröter Carolin, die ihr Anliegen daraufhin mit der Handbewegung verdeutlicht und sagt: „Ich glaube, er will dann, dass ich aufhöre zu reden.“ Tarek bestätigt den Verdacht und kann nicht erklären, warum er das macht. „Und was wünschst du dir nun von Tarek, Carolin?“ schaltet sich Felix wieder moderierend ein. Tarek verspricht ernst, er werde die Handbewegung nicht mehr machen, und Carolin strahlt. Wie passend, dass sich Martin als nächstes Thema Tipps wünschte, wie man einen Streit schlichten kann. Routiniert machen die Kinder Vorschläge, und Tarek kann gleich fünf Schritte aufzählen.

Partizipation in der ganzen Schule

Als der Klassenrat mit einem Bericht aus der Abgeordnetenversammlung schließt, sind die Schüler sichtbar geschafft. Carolin ist heute die Zublinzel-Königin. Sie hat die verantwortungsvolle Aufgabe, die Kinder aus dem Klassenrat zu verabschieden. Der Rolle angemessen ernst und königlich lächelnd blinzelt sie ein Kind nach dem anderen an, das dann den Kreis verlässt. Fröhlich räumen sie die Klassenratsbänke zur Seite und stellen sich an, um ihre Belohnungssticker mit ins verdiente Wochenende nehmen zu können.

Die Entwicklung geht weiter

Auch für das Team der Grundschule Am Lemmchen geht die Woche langsam zu Ende. Ihre Bemühungen, eine demokratische Schulkultur zu entwickeln, machen aber auch vor den Wochenenden nicht halt: „Am nächsten Samstag eröffnen wir das neue Spielehäuschen, das von den Kindern selbst verwaltet wird!“ Das Spielehäuschen, das eher schon als ausgewachsenes Haus mit 30 Quadratmetern und Aufenthaltsbereich im Schulhof steht, war eine Anregung aus der Abgeordnetenversammlung, in der sich die Klassensprecher aller Klassen treffen. „Die Kinder haben sich selbst darum gekümmert, dass das Haus Realität wird. Sie haben der Stadt Mainz geschrieben, das Haus geplant und dem Hausmeister beim Bau geholfen. Jetzt dürfen sie das Haus auch selbst verwalten!“, sagt Heiko Müller voller Stolz. Man merkt: Dem ganzen Team ist es wichtig, die Kinder zu beteiligen. Der Schulleiter hält das für einen ersten großen Erfolg der Entwicklung: „Seitdem wir an der ganzen Schule mit dem Klassenrat arbeiten, haben die guten Erfahrungen auch zunächst zweifelnde Kollegen überzeugt.“ Nun arbeitet das Kollegium am nächsten Schritt: Nach den Sommerferien startet das neue, selbst entwickelte Programm zur Kompetenzförderung. Und die nächsten Kinder lernen Demokratie im Klassenrat. 

*: Alle Kindernamen wurden auf Wunsch der Schule zum Schutze der Kinder geändert.

Klassenrat an der Grundschule Am Lemmchen

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© Fotos: Sappho Beck, beta - Die Beteiligungsagentur
Szene aus dem Klassenrat einer 1. Klassen an der Grundschule Am Lemmchen in Mainz Mombach.

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Grundschule Am Lemmchen in Mainz Mombach
Am Lemmchen 48, 55120 Mainz
Deutschland
50° 1' 12.5472" N, 8° 12' 59.0436" E