Peer Education: Lernen auf Augenhöhe

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„Peer Scouts“, „Lernen durch Lehren“, „Schüler für Schüler“ und „Lernwerkstatt“ – hinter all diesen Konzepten verbirgt sich grundsätzlich der gleiche Ansatz: Lernende verinnerlichen Wissen und Fähigkeiten effektiver, wenn sie sich ein Themenfeld selbständig erschließen und dadurch vertiefen, dass sie das Erarbeitete mit anderen teilen. Die Schüler profitieren davon, die Inhalte von einem Mitschüler erklärt zu bekommen, da dieser gerade erst den gleichen Lernprozess durchlaufen hat und sich gut in ihre Situation einfühlen kann. In einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern können Nachfragen auf Augenhöhe beantwortet werden: Dadurch wird das Wissen gefestigt und alle Beteiligten profitieren vom gemeinsamen Lernen.

Das Prinzip der Peer Education stammt aus den USA und verfolgte ursprünglich die Zielsetzung, schwierige Themen wie Sexualaufklärung für Jugendliche anhand der Vermittlung durch Gleichaltrige zugänglicher zu machen. In Deutschland haben sich daraus ganz unterschiedliche Konzepte und Projekte des Miteinander-Lernens entwickelt: Jugendliche treten in unterschiedlichen Settings als Experten auf und geben ihr Wissen an andere Jugendliche weiter. An vielen Schulen haben die Erfahrungen mit Peer Education gezeigt, dass Mitschüler als Lernhelfer mit ihrem Erfahrungsschatz große Unterrichtserfolge für sich und für andere erzielen können.

„Peer Scouts“: Problemorientierte Beratung durch Gleichaltrige

Viele Organisationen und Schulen greifen die Idee von Peer Education aus den USA auf: Jugendliche werden zu Experten ausgebildet, um anderen Jugendlichen ein problematisches Thema nahe zu bringen. Dabei sollte der Effekt greifen, dass die schwierigen Inhalte von Jugendlichen aus einem ähnlichen Blickwinkel geschildert und somit von der Zielgruppe leichter angenommen werden. Dieses Prinzip wird in verschiedensten Lernbereichen angewendet: So gibt es etwa Drug-Scouts, Finanz-Scouts, Handy-Scouts, Online-Scouts und Medien-Scouts. Die Scouts sollen über die Gefahren des Drogenmissbrauchs, der Schuldenfalle oder des Internets aufklären. Zahlreiche Beispiele zur Förderung der Medienkompetenz durch Peer-Projekte in ganz Deutschland findet man etwa auf peerhochdrei.

„Dem Informationsbedürfnis junger Menschen unterschiedlicher Herkunft wird mit diesem innovativen Ansatz der Peer-Arbeit im Arbeitsfeld Sexualerziehung Rechnung getragen.“ (BZgA)

„Lernen durch Lehren“: Peer Education als Methode

Die Peer-Scouts kommen häufig an Schulen zum Einsatz. Einen vollkommen anderen Ansatz der schulischen Peer Education hat Jean-Pol Martin mit „Lernen durch Lehren“ entwickelt: Bei dieser Unterrichtsmethode erschließen sich im Unterricht kleine Gruppen von Schülern ausgewählten Stoff, bereiten ihn auf und stellen ihn den Mitschülern vor. Dabei prüfen sie, ob die Inhalte angekommen sind und üben den Stoff zur Verinnerlichung ein. Die Lehrkraft nimmt dabei eine sehr aktive Rolle ein: Sie organisiert, leitet und unterstützt das gemeinsame Lernen. Als Gymnasiallehrer erprobte er die Unterrichtsmethode mit seinen Schülerinnen und Schülern in der Praxis und flankierte diesen Prozess durch Forschung und Lehre an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Auf dem EduCamp, einer Mitmach-Konferenz im Bildungsbereich zur Entwicklung von innovativen Formen des mediengestützten Lernens, erklärt Jean-Pol Martin, wie „Lernen durch Lehren“ funktioniert:

„Schüler für Schüler“: Lernen durch Engagement

Weniger auf die Gestaltung von Unterrichtseinheiten als vielmehr auf informelles Lernen und damit verbundenen Kompetenzerwerb zielen die Projekte an der Schnittstelle zu „Service Learning“ ab. In freien Formen der Zusammenarbeit gestalten Schülerinnen und Schüler freiwilliges, gemeinsames Lernen in Peer Groups, etwa in Arbeitsgemeinschaften oder der Schülervertretung. Ältere Schülerinnen und Schüler engagieren sich freiwillig, häufig am Nachmittag in Ganztagsschulen, und übernehmen z.B. in Lerngruppen Verantwortung für jüngere Mitschüler. An der Schillerschule Münsingen in Baden-Württemberg organisierten 8.-Klässler Projekte für jüngere Schüler und gestalteten so nicht nur das Schulleben mit, sondern konnten dabei sehr wertvolle Erfahrungen sammeln und Kompetenzen weiterentwickeln. Die Qualitätssicherung und der Kompetenzerwerb wurde von Lehrkräften begleitet. Details dazu finden Sie im Praxisbaustein „Schüler für Schüler“. Auch der Praxisbaustein „Schülermentoren“ bietet hilfreiche Anregungen zur Verantwortungsübernahme durch Schüler. In Rheinland-Pfalz hat das Rhein-Wied-Gymnasium in Neuwied eine Vorreiterfunktion inne: Die Arbeitsgemeinschaft “Schüler helfen Schülern” untersützt durch ergebnisorientierte Moderationen ihre Mitschüler bei der Lösung von Problemen im Schulalltag.

„Peeragogy“: Neue Ideen für gemeinsames Lernen

In den USA wird Peer Education gerade zur „Peeragogy“ weiterentwickelt: Die Peer-Pädagogik, eine Pädagogik auf Augenhöhe, die das Konzept des Menschen als immerfort lernendes soziales Wesen zugrunde legt. An der UC Berkeley entstand in einem gemeinsamen Prozess das „Peeragogy Handbook“ als universelle „Werkzeugbox“ für Lernende. Im Hinblick auf die Auswirkungen von Peer Education auf die pädagogische Forschung und Praxis ist es spannend, diese Entwicklungen weiter zu beobachten.

Weiterführende Initiativen zur Peer Education