Vielfalt, Kooperation und gute Schulen
Eine nicht alltägliche Kooperation brachte am 16.06.2010 in den Räumen der AQS in Bad Kreuznach einen noch ungewohnten Teilnehmerkreis zusammen: Bei der Fachtagung „Schule entwickeln - Partizipation leben" trafen sich erstmals die pädagogischen Beratungsgruppen mit den Modellschulen für Partizipation und Demokratie. Das MBWJK, das pädagogische Beratungssystem im IFB, die Koordinierungsstelle „Demokratie lernen und leben", die Serviceagentur „Ganztägig lernen" und der Deutsche Schulpreis nahmen so vorweg, wie sich die Unterstützungsangebote für Schulen in Rheinland-Pfalz wohl entwickeln werden: Eine vielfältige Kooperation von Einrichtungen, die auf Basis des Orientierungsrahmens Schulqualität gemeinsam an dem Ziel arbeiten, die Schulen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen.
Beratungskräfte und Modellschulen in Kontakt bringen
Das Thema der Veranstaltung - Partizipation und Demokratie - ist geradezu prädestiniert für einen solchen Versuch, wie Kerstin Goldstein (IFB) deutlich machte: „Partizipation ist ein Thema für viele Beratungsgruppen im Pädagogischen Beratungssystem: Es hat zu tun mit Unterrichtsentwicklung, mit Schulentwicklung, mit Aspekten aus dem Schulleben und aus vielen weiteren Bereichen." Daher müsse das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven erarbeitet werden. Die 25 Modellschulen für Partizipation und Demokratie gewährten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Einblicke in ihre Arbeit und demonstrierten so, wie Partizipation an Schulen gelebt wird. Zudem feierten sie ihre Erfolge: Nach dem offiziellen Abschluss des zweijährigen Transferprojekts „Demokratie lernen und leben" kann die Arbeit nun in Form einer Koordinierungsstelle im neuen Pädagogischen Landesinstitut fortgesetzt werden, wie Dorothea Werner-Tokarski berichtete. Nicht zuletzt trug die Arbeit der Modellschulen für Partizipation und Demokratie dazu bei. Diese haben mit ihren Fortbildungen, so Jürgen Tramm (Serviceagenur Ganztägig lernen RLP), ein beispielhaftes neues Angebot geschaffen: „Mit dem Fortbildungsprogramm von Schulen für Schulen öffnen die Modellschulen ihre Türen. So nutzen wir die Kompetenz, die sich an den Schulen entwickelt, um sie peer-to-peer an interessierte Schulen weiterzugeben. Partizipation 'live' vor Ort zu sehen, kommt an und überzeugt vermutlich mehr als in abstrakter Form fernab schulischer Realität."
Erfolg der Grundschule Süd Landau beim Deutschen Schulpreis als Vorbild
Einen noch größeren Erfolg feiert die Grundschule Süd Landau in diesen Tagen: Sie wurde vom Deutschen Schulpreis mit dem 2. Platz ausgezeichnet. In seinem Grußwort für das MBWJK beglückwünschte Gernot Stiwitz die Schule zu ihrem grandiosen Erfolg beim Deutschen Schulpreis. „Sie und Ihre Schule sind ein wunderbarer Botschafter für die Demokratieerziehung in Rheinland-Pfalz. Ich bin froh, dass die Grundschule Landau Süd als Schule der Demokratie gewonnen hat. Das ist, glaube ich, nicht selbstverständlich, und ich betrachte den Preis als ungeheuren Schub für die Anstrengungen um die Demokratieerziehung." Er betrachte die heutige Veranstaltung, so Stiwitz weiter, als wichtigen Schritt bei den Bemühungen zur Demokratieerziehung. „Ich glaube, die Initiative, Beratungskräfte und Modellschulen zu vernetzen, um aus der guten Praxis heraus lebendige Erfahrungen für die Beratungstätigkeit mitzunehmen, ist sehr gut, und ich verspreche mir davon sehr viel für die Verbreitung des demokratiepädagogischen Gedankens."
Süssmann: Partizipation als wichtiger Bestandteil des Orientierungsrahmen Schulqualität
Klaus-Günther Süssmann, stellvertretender Leiter der AQS, begrüßte als Hausherr die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Räumen der AQS und hob hervor, wie haargenau das Thema „Schule entwickeln - Partizipation leben" zur Philosophie der AQS passe. Zum einen seien Partizipation und Demokratie wichtige Elemente im Orientierungsrahmen Schulqualität, z.B. im Bereich Schulleben. Zudem beziehen die Methoden und Verfahren alle Beteiligten mit ein, vor allem durch die Befragung der Schülerinnen und Schüler, der hohen Rücklaufquote der Elternfragebögen und der Chance für Lehrkräfte, als Koreferenten an den Evaluationen mitzuwirken. Die so gesammelten Erfahrungen der AQS waren positiv, so Süssmann: „Dieser Weg der Einbeziehung aller, die an Schule beteiligt sind, war ein steiniger und langer. Aber jetzt, nach vier, fünf Jahren, zahlt sich das aus: in Form von Akzeptanz, durch die Transparenz für alle in den Schulen, und die zunehmende Motivation."
Szenische Darstellung des Rhein-Wied-Gymnasiums
Was fehlende demokratische Kultur an Schulen verursachen kann, zeigten Max Hillesheim und Franziska Sahm, Schüler am Rhein-Wied-Gymnasium, in einer beklemmenden Darstellung. „In einer intensiv verdichteten Inszenierung", schrieb die Schule über das Stück, „thematisierte das Stück die Isolation und Verzweiflung eines um Anerkennung ringenden Außenseiters. Dabei spiegelte seine Bühnenpartnerin die Hilflosigkeit seiner Umwelt aus verschiedenen Perspektiven wider." Gewalt prägt die von den Schülern selbst verfasste szenische Darstellung: eine langandauernde Gewalt, die sich in Worten äußert, in Mobbing, in Hänselei und Missachtung. Und eine kurze, als eine Pistole, die der Protagonist gegen sich richtet, die Gewalt durch Gewalt beendet. „Ich wollte ihnen zeigen, dass ich doch was kann, dass ich doch was bin, und doch meinen Platz auf dieser Welt verdient habe. Und wenn ich nicht mehr bin, dann sollen sie diesen Brief lesen. Sie sollen ihn lesen. So, wie du mir, so ich dir. So einfach ist das Leben. So einfach kann das Leben sein."
Prof. Dr. Beutel: „Erfolgreiche Schulentwicklung muss eine partizipative Schulentwicklung sein"
Nachdem die Beklemmung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich wieder etwas gelöst hatte, griff Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel in ihrem Hauptvortrag den Erfolg der Grundschule Süd wieder auf. Sie zeigte den Zusammenhang zwischen Partizipation und Schulqualität auf theoretischer Ebene. Die Inhaberin des Lehrstuhls für allgemeine Didaktik an der TU Dortmund konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf zwei Schwerpunkte: Zunächst führte sie aus, wie Partizipation eine Chance und ein Impuls für die Schulentwicklung sein kann. Ihre These: „Erfolgreiche Schulentwicklung muss eine partizipative Schulentwicklung sein", weil man keine fundierte, alle beteiligende, berücksichtigende Schulentwicklung betreiben könne, wenn diejenigen, die es betrifft, gar nicht beteiligt werden. „Das bedeutet", so Beutel weiter, „wir müssen den Gedanken Partizipation an Schulentwicklung sehr breit fassen und wir müssen es als zentralen Beitrag dazu sehen, eine moderne und zukunftsfähige Schule auszugestalten". Eine so verstandene Schulentwicklung müsse insbesondere auch den Unterricht umfassen. In der Debatte um gute Schulen ist sich Silvia-Iris Beutel sicher: Partizipation spiele in allen Qualitätsbereichen - Leistung, „Umgang mit Vielfalt", Unterrichtsqualität, Verantwortung, „Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner" sowie „Schule als lernende Institution" - eine herausragende Rolle. Partizipation, so Beutel, durchziehe eigentlich die ganze Schule und durchziehe das ganze Unterrichtskonzept im besten Falle.
Dieses breite Verständnis des Begriffes Partizipation überraschte viele Beraterinnen und Berater, die bisher nur wenig Kontakt mit dem Thema hatten, aber auch manchen ,alten Hasen' der Modellschulen. „Wenn ich an unsere Schule denke, machen wir bereits sehr viel, was Partizipation und Demokratie angeht. Aber im Unterricht, muss ich sagen, da sind wir noch nicht so weit.", kommentierte ein Vertreter einer Modellschule den Vortrag.
Vielfältige, gute Beispiele der Modellschulen für Partizipation und Demokratie
16 Praxisbeispiele boten im Anschluss Einblicke in die Praxis an den Modellschulen für Partizipation und Demokratie und zeigten, wie vielfältig die Schulen das Thema umsetzen. Der Klassenrat, eine Kultur der Anerkennung, selbstgesteuertes Lernen, gewaltfreie Kommunikation und politische Bildung waren nur einige der Themen, die in dieser Tagungsphase gezeigt wurden. Der schnelle Wechsel zwischen den Präsentationen im Halbstundentakt begrenzte zwar oft die Diskussionsmöglichkeiten, ermöglichte aber zugleich erst, die Vielfalt wahrzunehmen. „Besonders gut gefiel mir, dass die gezeigten Praxisbeispiele so unterschiedlich waren, nicht nur was die Themen angeht, sondern auch die Entwicklungsstadien. Große, ausgereifte Konzepte standen neben ersten Projekten und Ansätzen. Diese Vielfalt hat mich überzeugt." kommentierte eine Beraterin ihre Erfahrungen in den Workshops.
Reflexion und Transfer
In der Abschlussphase teilte sich die Gruppe: Während die Beraterinnen und Berater ihre Erfahrungen und Erkenntnisse des Tages reflektierten und über Transfermöglichkeiten für ihre Beratungsmöglichkeit nachdachten, sprachen die Modellschulen über ihre Wünsche und Ziele für die Zusammenarbeit in den nächsten fünf Jahren. Der Tag endete ungewöhnlich, aber herzlich: mit Kuchen und einem Glas Sekt auf das bisher Erreichte und den besten Wünschen für die weitere Zusammenarbeit.
Der Fachtag "Schule entwickeln - Partizipation leben" war eine gemeinsame Veranstaltung des MBWJK, des pädagogischen Beratungssystems im IFB, der Koordinierungsstelle „Demokratie lernen und leben" im PZ, der Serviceagentur „Ganztägig lernen" und des Deutschen Schulpreis mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung.